Unser Kurzurlaub in den Bergen rund um das Nebelhorn bei Oberstdorf war zu Ende gegangen. Die Zahnpasta war wieder aufgetaut und kam jetzt auch wieder aus der Tube. Zelten bei –20° hält die Creme nämlich nicht aus. Die erhofften Halo-Erscheinungen im Gebirge waren leider ausgeblieben und so trösteten wir uns kurz nach der Abfahrt mit einer Nebensonne über einem der Berge. Quasi in der letzten Minute. Eine Nebensonne kann mir nicht entgehen, weil mein Blick ständig am Himmel hängt. Meiner Frau entgeht dafür keinesfalls, dass ich infolge dessen während dem Autofahren eben nur auf diesen Himmel schaue und nicht auf die Straße. Und während ich so Angst habe, ein atmosphärisches Phänomen zu verpassen, arbeitet meine Frau Martina mit der Angst, auf das nächste Auto auffahren zu müssen.

Als wir am 9.02.05 in unserer Heimatstadt Hammelburg ankamen hatte sich die Nacht bereits über die Dächer gelegt. Und mit ihr kam der Frost. Stille kehrt ein. Dann hebt sich aus dem nahen Fluss, der Saale, Wasserdunst, vermengt sich mit der kühlen Luft und schwebt Geistern gleich zwischen den kahlen Winterbäumen empor, windet sich über die Gipfel hinauf und heimlich durch die Stadt. Manchmal wagen sich die Eisnebelgeister bis in die hinteren Gassen und Gärten. Dabei treiben sie böse Streiche, machen die Straßen glatt oder die Büsche weiß. Heute war der Nebel kreativ und zauberte Säulen aus Licht auf die Straßenlampen. Säule stellte sich an Säule und so war die Stadt bald von einem griechischen Tempel umgeben.

Im guten Glauben an die Beobachtung einer oberen Lichtsäule merkte ich zunächst nicht, dass hier nicht nur Säulen in der Landschaft standen, sondern „Sektgläser“. Eins neben dem anderen spannten sie Bögen in die Luft, die sich oben berührten. Und mit einmal wurde aus dem griechischen Tempel eine gotische Bogenlandschaft passend zu unserer Kirche.

Ich baute mein Stativ auf dem Gehsteig vor einer kleinen Kneipe auf. Zwei stolperten heraus, drei gingen noch aufrecht hinein. Ihre Blicke kreuzten kurz meine Canon und einen Moment lag die Frage in der Luft, was es da überhaupt zu fotografieren gibt, doch wenn man die Schaufenster- und Thekenperspektive nicht verlässt und den Blick nicht gen Himmel richtet, versäumt man die kleinen Wunder, die man in genau dieser Kneipe nicht finden kann. Egal, meine Sektgläser wären ohnehin leer gewesen.

Wir wechselten die Perspektive, verließen die Straße entlang gotischer Luftbögen und stapften durch den Schnee des nahen Schlossgartens. Mal stellten wir uns, mal einen Baum vor die blendenden Strahler, überprüften Belichtungszeit und Blende, drückten auf den Auslöser und reihten Bild an Bild. Bis uns der Nebel einen Strich durch die Rechung machte. Aber einen gut gemeinten. Mit einmal zeigte sich nämlich der parhelische Ring als Strich quer durch Lichtquelle und Nebel. Von der neuen Erscheinung ganz angetan, richtete ich mein Stativ erneut aus. Und während ich noch aufbaute werkelten auch die Nebelgeister weiter und zeichneten uns eine Parabel in den Nebel, die sie mit einer Gerade im Winkel von exakt 30° ergänzten. Gott sei Dank spielte die Kamera mit. Ein treues Teil.

Nur zwei Minuten später verließ uns das neue Bild wieder und lies nur noch die Sektgläser zurück. Vielleicht hat sie der Wirt vergessen. Oder er traut sich nicht raus, es nebelt schließlich kalt.

Während es draußen dunkel blieb dämmerte mir zu Hause langsam, dass wir da etwas beobachtete hatten, das wir nun nicht eindeutig identifizieren konnten. Ich befragte dass allwissende Forum, aber es hatte keine Ahnung.

Genau in diesem Moment merkst Du dann, dass du anders hättest vorgehen sollen. Daten sammeln, verschiedene Blickwinkel ausprobieren, vielleicht mit mehreren Kameras gleichzeitig arbeiten. Aber es war zu spät.